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Berthold senkte die Augen auf den Teller. Eva sah ihm an, dass er am liebsten geweint hдtte. Stattdessen beugte er sich vor und schob ein Stьck Kuchen in den Mund. Er setzte die Tasse an und trank Kakao nach. Dann schluckte er und biss sofort wieder in den Kuchen. Eva schaute ihm verstohlen zu. Berthold aЯ sehr schnell, man konnte eigentlich nur schlingen dazu sagen. Er schaute nicht mehr von seinem Teller auf. Verbissen stopfte er sich voll.
»Eva, warum isst du nicht?«, fragte der Vater.
Sie merkte erst jetzt, dass das Stьck Kuchen noch unberьhrt vor ihr auf dem Teller lag. Ohne den Vater anzuschauen, sagte sie: »Bei deiner Meckerei kann einem ja der Appetit vergehen.«
»Eva!« Die Stimme der Mutter klang erschrocken.
»Ist doch wahr!«
»Ach, die junge Dame wird aufmьpfig, wie?«, sagte der Vater. »Bis jetzt habe ich allerdings noch nie gemerkt, dass dir der Appetit vergangen wдre. Du siehst jedenfalls nicht so aus.«
»Hцrt doch auf!«, sagte die Mutter beunruhigt. »Ich weiЯ gar nicht, was heute in euch gefahren ist. Beim Essen streitet man nicht. Das ist nicht gesund.«
Eva schwieg. Was hдtte sie auch sagen kцnnen ? Wenn es nach der Mutter ging, war es ьberhaupt nie gesund zu streiten. Aber fьr den Vater war es offensichtlich gesund, jeden Tag zu meckern. Eva kaute auf ihrem Kuchen herum. Er war trocken und brцsehg. Sie legte ihn wieder auf den Teller.
»Das Stьck Kuchen wirst du doch noch essen kцnnen«, sagte die Mutter. »Nur das eine Stьckchen.«
Eva machte es wie Berthold. Sie trank viel Kakao nach.
Eva und Michel saЯen in der Milchbar. Es regnete. Eva trug die Haare wieder offen. Michel hielt ihre Hand und sie schauten sich ьber den Tisch hinweg an.
»Kцnnten wir nicht nachher in die Diskothek gehen?«
»Warum?«, fragte Michel. »Ich wдre viel lieber mit dir allein irgendwo. Kцnnen wir wirklich nicht zu dir nach Hause gehen?«
»Nein«, sagte Eva. »Du kennst meinen Vater nicht.«
»Schade.«
»Ich mцchte so gern einmal in eine Diskothek gehen. Ich war noch nie.«
Michel zuckte mit den Schultern. »Meinetwegen. Aber es ist sehr laut dort. Und teuer.«
»Ich habe noch Geld.«
»Gut, dann gehen wir in die Disko am Josephsplatz.«
Eva zцgerte. »Ich habe noch nie getanzt. AuЯer mit meinem Vater Walzer.«
An Neujahr war das gewesen. Vater hatte Sekt getrunken und war sehr lustig gewesen. Aus dem Radio klang laute Tanzmusik.
Plцtzlich rдumte Vater die Sessel und den Tisch zur
Seite, ganz aufgekratzt war er, und stellte das Radio noch lauter.
»Komm, Mama, jetzt zeigen wir mal den Kindern, wie man Walzer tanzt.«
Die Mutter wehrte ab. »Ach nein, Fritz. Wir haben schon so lange nicht mehr getanzt.«
»Los«, sagte der Vater und zog die widerstrebende Mutter aus dem Sessel. »Los, Marianne. Keine Mьdigkeit vorschьtzen.«
Und dann tanzten sie und der Vater sang laut mit. »Donau, so blau, so blau, so blau ...!«
Sie tanzten Tango und Walzer, Cha-Cha-Cha und Foxtrott, so lange, bis die Mutter rote Backen bekam.
»Eva, jetzt bist du dran«, sagte der Vater, als die Mutter sich schwer atmend in einen Sessel fallen lieЯ.
»Ich kann doch nicht tanzen«, antwortete Eva.
»Dann wird es Zeit, dass du es lernst.«
Eva war plцtzlich sehr aufgeregt. Sie bewunderte den Vater, der seinen schweren Kцrper so gewandt und sicher bewegte. Er sah anders aus als sonst. Jьnger.
»Euer Vater hat frьher einmal den ersten Preis bei einem groЯen Tanzwettbewerb gewonnen. Das war damals, als wir uns kennen gelernt haben.«
Eva sah ihren Vater ьberrascht an. »Wirklich?«
Sie fьhlte sich tцlpelhaft und ungeschickt, kam aus dem Takt und trat ihrem Vater auf die FьЯe.
»Nicht so, Eva. Du darfst nicht an deine Beine denken. Achte nur auf
den Takt und lass dich fьhren.
Hцrst du? Eins, zwei, drei. Eins, zwei, drei. Eins, zwei, drei.«
Und dann war es wirklich ganz leicht. Eva drehte sich und drehte sich, lieЯ sich in die Musik und in Vaters Arm fallen und fьhlte sich leicht und glьcklich.
»Das machst du prima, Eva. Wirklich! Mama, wir mьssen bald mal mit unserer groЯen Tochter tanzen gehen.«
Mama nickte gerьhrt. Berthold war ьber seinem Mickymausheft eingeschlafen.
»Mit meinem Vater habe ich getanzt«, sagte Eva und sah Michel wieder an. »Er hat frьher mal den ersten Preis bei einem Tanzwettbewerb gewonnen.«