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Dann steckte und heftete die Schmidhuber an ihr herum, mit Stecknadeln zwischen den Zдhnen und der Nдhnadel mit dem Reihfaden an ihrer Bluse festgesteckt.
»Arme hoch, Evachen.«
»Ja, so ist's recht.«
»Dreh dich mal um.«
»Schau, Marianne, ich mach da am Rьcken noch zwei Abnдher rein. Da sieht sie von der Seite schlanker aus.«
Dann legte sie die Stecknadeln zurьck in die Schachtel. »So!«, sagte sie. »Jetzt kannst du in den Spiegel gucken.«
Im Flur war ein groЯer Spiegel mit Goldrahmen. Zu beiden Seiten des Spiegels hingen zwei Engel, nackt, nur mit einem kleinen Tuch um den Bauch und mit kleinen, goldenen Flьgeln. Sie stammten noch von der Oma der Schmidhuber. Der Linke hieЯ Eva. »So hast du ausgesehen, als du noch ein Baby warst«, sagte die Schmidhuber immer wieder. »Genau so.«
Eva betrachtete den Engel jedes Mal, wenn sie herkam, versuchte, in dem pausbдckigen, lachenden Gesicht die Spuren ihres frьheren Aussehens zu finden. Der dicke Bauch und die runden Beine stimmten sicher, dachte sie, obwohl sie auf ihren Kinderfotos gar nicht besonders dick aussah. Natьrlich auch nicht dьnn, das nicht, aber fett war sie damals nicht gewesen. Trotzdem, der Engel sah hьbsch aus und Eva freute sich ьber ihn.
So war ich, dachte sie. Und wann habe ich aufgehцrt, so zu sein?
Sie drehte sich langsam vor dem Spiegel hin und her. Das Kleid gefiel ihr und sie sah wirklich nicht gar zu fett darin aus. Besser jedenfalls als in Rock und Bluse. Sie цffnete den Pferdeschwanz und schьttelte den Kopf, bis die Haare locker ьber ihre Schultern fielen. Die Schmidhuber war hinter sie getreten und legte ihre runden Arme um sie.
»Gut siehst du aus, Eva. So solltest du die Haare immer tragen.«
»Zu Hause trau ich mich nicht. Du kennst Papa ja.« Die Schmidhuber lachte. »Eine richtige Lцwenmдhne hast du, Eva.« Sie fasste hinein in die Haare und zauste sie spielerisch. »Lass dir nicht alles gefallen. Lass dir ja nicht alles gefallen!«
»Also, was ist mit morgen Abend?«, fragte der Vater am Freitag beim Essen. Eva senkte den Kopf ьber den Teller mit dem Linseneintopf und fischte mit dem Lцffel ein Speckstьckchen heraus. »Du kannst mich abholen«, sagte sie.
»Gut.« Der Vater war zufrieden. »Wann soll ich kommen?«
»Um zehn ist es aus. Aber Michel hat gesagt, dass es meistens ein bisschen lдnger dauert. Wenn du vielleicht um halb elf kommst?«
»Ich werde pьnktlich sein.« Er war wirklich besonders freundlich.
Kunststьck, dachte Eva, wo er doch seinen Willen durchgesetzt hat.
Michel hatte es nicht schlimm gefunden, dass ihr Vater sie abholen wollte. »Ich verstehe dich nicht«, hatte er gesagt, »ich an deiner Stelle wдre froh, wenn ich abends nicht mehr mit der StraЯenbahn fahren mьsste.«
»Und wo ist das eigentlich?«, fragte der Vater.
»StaufenerstraЯe«, antwortete Eva. »Staufenerstra-Яe 34.«
Der Vater schaute hoch. Eva hatte das erwartet. Sie suchte mit unbewegtem Gesicht weiter nach Speckstьckchen. Es waren keine mehr da. »Kann ich ein bisschen Essig haben?«
Berthold gab ihr den Essig. »Wo gehst du denn hin?«, fragte er.
»Bis du mal etwas mitkriegst, kann die Welt untergehen. Ich gehe morgen Abend tanzen, m ein Freizeitheim.«
»Ach so.« Berthold war nicht weiter daran interessiert, er fuhr fort, seine Suppe zu essen.
Es klirrte laut, als der Vater seinen Lцffel auf den Teller legte. »Hast du gewusst, dass es da ist, Marianne?«
Er dehnte das »a« in »da« sehr lang, sehr von oben herab, fand Eva. So wie er das sagte, klang es so, als wдre es mindestens die Vorhцlle. Eva hatte gewusst, dass es so sein wьrde. Die Mutter warf ihr einen Blick zu, einen von diesen Schulmдdchen-Verschwцrungsblicken, einen von diesen Kumpelblicken, die Eva nicht leiden konnte. Sie wurde nervцs davon.
»Ja«, sagte die Mutter. »Natьrlich habe ich das gewusst.«
Eva дrgerte sich. »Sie hat es nicht gewusst«, sagte sie.
»Warum sollte es nicht dort drauЯen sein?«, fragte
die Mutter schnell und sammelte die leeren Teller ein. »Gleich bringe ich den Nachtisch.«
Der Vater schwieg. Er ist bцse, dachte Eva. Er wьrde mir am liebsten verbieten hinzugehen, aber jetzt traut er sich nicht mehr.
Der Schokoladenpudding war dunkelbraun, die Pfirsichhдlften aus der Dose sehr gelb, fast orange, und oben drauf prangten Schlagsahnehдufchen, mit Schokostreuseln verziert. »Das Auge isst immer mit.«
Eva schob einen Lцffel Schlagsahne in den Mund und lieЯ ihn auf der Zunge zergehen. Das neue Kleid war auch fertig geworden, die Schmidhuber hatte es heute gebracht. »Viel SpaЯ, Eva«, hatte sie gesagt. »Und vergiss nicht: Nichts gefallen lassen!«
Eva dachte an das Kleid. Streifen streckten wirklich. Das Kleid war schцn und stand ihr gut. Sie schob den Glasteller mit dem Nachtisch weg.
»Ich bin satt.« Ein bisschen Schlagsahne hatte sie gegessen, sonst nichts. Der Vater nahm den Teller und \J stellte ihn vor Berthold hin. Nur nichts verkommen lassen.